Qual der Wahl – Parlamentswahl im „Ursprungsstaat der Demokratie“

Alle Augen auf Griechenland – so das Motto am letzten Sonntag. Ernste Wahlen, die Parlamentswahlen, wichtiger denn je für den Mittelmeerstaat. Die Zukunft ist entscheidend, Probleme sollen an der Wurzel gepackt werden und das geht nur mit einer „vernünftigen“ Regierung – Europas Nerven sind gespannt.

Von der Krise gezeichnet, mit den Nerven am Ende – so lässt sich das Gesamtbild der Bürgerinnen und Bürger im Mittelmeerstaat beschreiben. Viel ist in den letzten Jahren falsch gelaufen, die Staatsführung hätte, milde ausgedrückt, eine bessere sein können. Mehr und mehr rutschte man in den Schuldenstrudel, ein Herauskommen war schier undenkbar – zumindest allein. Bangen um den Euro, helfende Hände aus Reihen der Euro-Länder, durcharbeitete Nächte, Hilfspakete, sowie haarsträubende Diskussionen darüber, ob man Griechenland nicht lieber gleich aus der Euro-Zone kicken solle. Wenn, ja wenn da nicht die Währung wäre, welche gegenüber Schwankungen, sprich Veränderungen, doch so empfindlich ist. Mit dem bloßen „Rausschmiss“ Griechenlands wären die Folgen wohl fatal gewesen. Und doch kann man die Wut, die Frustration der griechischen Einwohnerinnen und Einwohner nachvollziehen – der Sparkurs hat sie hart getroffen.
Jetzt soll also ein durch und durch neues Parlament gewählt werden – Qual der Wahl. Warum? Bei der Tatsache, dass nun anstatt der zwei „Altparteien“, Pasok und ND, weitere 30 Parteien auf den Wahllisten stehen, wird einem heiß und kalt. Wer soll da noch den Überblick behalten, die fundamentalen Unterschiede erkennen? Diese Wahl ist für Griechenland so wichtig wie nie – manche behaupten, die wichtigste überhaupt seit Ende der Militärdiktatur im Jahre 1974. Splitterparteien, viele davon kommunistischer Gesinnung, sprechen sich deutlich gegen den Sparkurs und die Modernisierungspolitik aus, welche Griechenland erfüllen muss, um in der Euro-Zone bleiben zu dürfen. Auch der Nährboden für extremistische Parteien wurde geebnet. „Alles andere, nur der momentane Kurs nicht“, scheint das Motto vieler zu sein. Zu sehr wurde in letzter Zeit gelitten, selbst die alte Währung, Drachme, wird von vielen zurückverlangt. Nur drei Parteien setzen sich weiterhin für die auferlegten Maßnahmen ein, halten daran fest.
Die Atmosphäre ist in diesen Tagen angespannt wie noch nie, rein rational lässt sich die ganze Situation kaum noch betrachten – Leiter werden die Emotionen. Wer wird stärkste Partei werden? Die konservative ND kann hoffen, doch sicher ist wohl nur die Unsicherheit. Fakt ist: egal, wie diese Wahl ausgeht, das Brodeln im Mittelmeerstaat wird wohl noch lange nicht vorbei sein – ein wichtiger Tag für die Griechinnen und Griechen. Das Errichten eines Meilensteines ist nicht ausgeschlossen. Die Euro-Länder schauen auf die „Mutter der Demokratie“, was aus dem großen Sorgenkind wird, das kann momentan keiner vorhersagen. Auf eine verantwortungsbewusste, krisenorientierte und moderne Regierung wird gehofft.

Ihr
Dirk Toepffer